Weil wir alle viel mehr sind als ein Körper und ein Hirn.

Oder: Kunsttherapie als integrative Behandlungsmethode für ganzheitliches Gesund-Sein.

Mein aktueller Beitrag im Tau - Magazin für Barfußpolitik.


Unser Leben ist nicht schwarz und weiß. Es ist auch nicht schattiert. Es ist ziemlich bunt. Mitunter dunkelbunt. Aber keinesfalls bloß schwarz und weiß. Unser Verstand allein schafft es oftmals nicht, unser Erleben in seiner Ganzheit zu begreifen. Wie denn auch. Ist ja nicht alles verstandesmäßig logisch, was uns so widerfährt, bewegt, triggert, betrifft, berührt. Es ist wohl an der Zeit, dem Verstand mal ein bisschen unter die Arme zu greifen. Mit Herz und Körper. Mit Gefühlen und mit Kunst.



Künstlerisches Tun – und das beginnt schon beim kleinsten ästhetischen Ausdruck – ermöglicht uns, dass wir als Ganzes da sind.

Nehmen wir zum Beispiel den Tanz, der uns mit so vielen Sinnen anspricht. Wir hören die Musik, erleben die Bewegungen unseres Körpers, spüren die Schwingung des Basses im Raum. Irgendwann spüren wir die Hitze in unseren Körper steigen, riechen unseren eigenen Schweiß oder den der Mittänzer*innen. Ganz automatisch erschaffen wir etwas, das niemand vor uns in genau dieser Art und Weise mit genau diesem Körper erschaffen hat.


Dieses ästhetische Erleben ist der wesentliche und so wirksame Teil meiner therapeutischen Arbeit. „Die Kunst an und für sich heilt schon“, haben wir in unserer Ausbildung so oft gehört, dass ich nicht darum herumgekommen bin, diesen Satz in der Praxis endlich zu verifizieren. Und ich muss sagen … es stimmt! Wann immer im therapeutischen Setting der Moment erreicht ist, wo alles ausgesprochen ist, was erst einmal gesagt werden musste – setzt die Kunst ein, und mit ihr kommt auf leisen Sohlen die Veränderung daher.


Die Veränderung kommt auf leisen Sohlen daher.

Wenn wir Worte und Verstand ein bisschen hintanstellen und einen künstlerischen Prozess starten, verändert sich meist recht schnell die innere Stimmung der Klienten*innen. Die Themen, über die wir zuvor gesprochen haben, sortieren sich. Es geht plötzlich nicht mehr um das Problem oder die Lösung, sondern der Weg wird frei für viel tieferliegende Dynamiken.



Als Therapeutin begleite ich hier hauptsächlich, indem ich die Materialien zur Verfügung stelle und den Rahmen halte für dieses ästhetische Erleben. Und den Klienten*innen dann anschließend zur Seite stehe, die gemachten Erfahrungen in das eigene Leben zu integrieren. Oder dem Kunstprozess dann doch die eine oder andere konkrete Lösung entlocke, wo er selbst doch gar nicht nach Problemlösungsmechanismen funktioniert. Schließlich können reale Verbesserungen im realen Leben schon eine Portion Verstand und Willenskraft gebrauchen.


Gerade in Krisenzeiten, die uns auf vielen Ebenen herausfordern, können wir profitieren von Behandlungsmethoden, die unser ganzheitliches Gesund-Sein im Blick haben.

Und ich träume davon, dass dieses Potenzial endlich offiziell anerkannt wird. Dass die künstlerischen Therapien endlich durch ein Berufsgesetz qualitätsgesichert und schließlich von den Krankenkassen bezahlt werden. Weil wir alle viel mehr sind als ein Körper und ein Hirn.

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